Vom Streiten zum Handeln

Das Moormann-Wendland-Memorandum für eine Laufzeitverlängerung der GER6: „The making of“

Von Anna Veronika Wendland

Zwei Wissenschaftler, ein Atomkritiker und eine Kernenergie-Befürworterin, streiten sich auf Twitter. Dann tun sie sich zusammen und schreiben ein Memorandum über die Aussetzung des Atomausstiegs. Was ist da passiert?

Wenn zwei Menschen an entgegengesetzten Positionen stehen und diese Positionen verlassen, weil sie an ihnen zu zweifeln beginnen, dann werden sie sich irgendwann auf der Wegstrecke begegnen.

Im September und Oktober 2020 sind wir für den Erhalt und den Weiterbetrieb unserer CO₂-freien Kernkraftwerke auf die Straße gegangen. Fotos, Berichterstattung und Infos hier.

Atomkritiker vs. Ökomodernistin

Rainer Moormann ist physikalischer Chemiker. Von 1976 bis 2013 arbeitete er am Forschungszentrum Jülich zur Sicherheit von kerntechnischen Anlagen wie Hochtemperatur-und Fusionsreaktoren.

Viele Hoffnungen knüpften sich an den in Jülich entwickelten Hochtemperaturreaktor mit den kugelförmigen, schmelzsicheren Brennelementen. Dann kam 2008 der Tag, als Rainer einen in Fachkreisen weit beachteten kritischen Aufsatz über unvorhergesehene Temperaturerhöhungen im Reaktorkern der Versuchsanlage schrieb. Kollegen und Vorgesetzte schnitten ihn, einige erklärten ihn für geisteskrank. So wurde Rainer, wie schon vor ihm Klaus Traube, zum Kronzeugen der Anti-AKW-Bewegung. 2011 erhielt er für seine kritischen Publikationen den „Whistleblower-Preis“. Fortan prangerte er die Atomindustrie an, ihre Pfuschereien in der Asse, ihre falschen Versprechungen, ihre mit der Politik verfilzten intransparenten Strukturen. Auf Podien und auf Twitter stritt er mit denen, die er die „Atomlobby“ nannte. Eine davon war ich.

Ich bin Osteuropa- und Technikhistorikerin. Ich bin da gestartet, wo Rainer angekommen ist, als Atomgegnerin. Drei Jahre nach dem Tschernobyl-Unfall studierte ich in der Ukraine. Der Unglücksreaktor, die Unfallfolgen waren Teil unseres Alltagslebens in Kiew. Das Thema saß immer in meinem Hinterkopf, aber erst nach langen Wanderjahren machte ich es zum Gegenstand meiner wissenschaftlichen Arbeit. Ich forsche heute über nukleare Arbeitswelten und über die Geschichte der Reaktorsicherheit. Seit acht Jahren arbeite ich regelmäßig als „Industrial Anthropologist“ und Langzeit-Beobachterin in Kernkraftwerken in Osteuropa und Deutschland.

Im Laufe meines Werksstudentendaseins, beim allmählichen Vertrautwerden mit den kerntechnischen Anlagen und den AtomarbeiterInnen, änderte ich meine Auffassung über die Kernenergie. Ich wurde Ökomodernistin. Das sind jene Grünen und Klimaschützer, die fordern, dass Industriegesellschaften der Wildnis und der Biodiversität wieder Platz freiräumen müssen – und dass das nur mit verdichteten, hochenergetischen Prozessen geht. Deswegen sind Ökomodernisten für die Nutzung von Kernenergie.

Twitter-Streit

Und dann traf ich auf Rainer Moormann. Genauer gesagt, wir krachten zusammen. Wir lieferten uns scharfe Twitter-Diskussionen, er Anti, ich Pro. Wir fetzten uns über Niedrigstrahlung, Druckhalter-Sicherheitsventile und Notstromversorgungen. Es wurde politisch und garstig. Er warf mir gemeinsame Sache mit der AfD vor, ich forderte ihn auf, vor der anti-aufklärerischen Esoterik-Tür der grünen Bewegung zu kehren. So ging das einige Zeit. Irgendwann kam der Punkt, wo wir beide verletzt in unseren Ring-Ecken in den Seilen hingen und uns fragten, ob das jetzt eigentlich so weitergehen solle. Die Auseinandersetzung hatte uns beide Respekt vor der Expertise des Gegners gelehrt. Und wir entdeckten, dass wir zumindest eine Position teilten: die Auffassung, dass der Klimaschutz keinen Aufschub mehr dulde.

An diesem Punkt angekommen, beschlossen wir, das Kriegsbeil zu begraben. Unter großer Willensanstrengung entschuldigten wir uns beieinander. Dann schauten wir uns gemeinsam unsere Klimasituation an, und überlegten uns, tastend und um Konsens ringend, wie man für schnelle Abhilfe sorgen könnte. Wir wälzten Energiewendestudien und Fachaufsätze. Dann beschlossen wir, unsere Ergebnisse in ein Memorandum zu gießen. Nun ist es fertig, es hat dreizehn Seiten und viele Fußnoten.

Situationsbeschreibung: Deutschlands Klimapleite

Deutschland erreicht seine CO2-Ausstoß-Ziele trotz großer Anstrengungen im Erneuerbare-Energien-Ausbau nicht – höchstens, wenn seine gesamte Wirtschaft auf Lockdown gesetzt wird, wie Corona zeigte. Das kann aber niemand ernsthaft wünschen. Der Atomausstieg ist das einzige Ziel der Energiewende, das zügig umgesetzt wurde – aber ausgerechnet er hat unserem Klimaziel geschadet. Er wird uns bis 2023 insgesamt rund 20.000 Megawatt CO2-armer installierter Leistung gekostet haben.

Die Kernkraftwerke wurden allenfalls rechnerisch durch die Erneuerbaren ersetzt, doch hat man nur die einen CO2-armen Erzeuger durch die anderen ersetzt. Funktionell wurden die deutschen KKW aber gar nicht durch Erneuerbare ersetzt, denn der überwiegende Anteil der deutschen Erneuerbaren ist wetterabhängig. Somit liefern sie, anders als Kernkraftwerke, keine „gesicherte Leistung“, wie es in der Fachsprache der Stromnetzbetreiber und Energietechniker heißt. Wenn Wind und Sonne nichts liefern – häufig über Tage hinweg – helfen nur Langzeit-Stromspeicher oder eine Backup-Struktur aus konventionellen Kraftwerken.

Lösungen ohne Aussichten

Langzeit-Stromspeicher existieren bislang nur als kleine Pilotanlagen, beispielsweise das häufig genannte Verfahren, mit Grünstrom-Elektrolyse Wasserstoff zu erzeugen und sodann mit Kohlenstoff aus Biogasanlagen zu „grünem“ Gas zu methanisieren. Das Verfahren ist sehr teuer, weswegen sich kein Investor ohne Staatshilfe daran wagen will. Zum Datum des Kohleausstiegs werden wir möglicherweise keine solchen Anlagen im Großmaßstab zur Verfügung haben.

Schauen wir gleichzeitig auf den Strombedarf der Dekarbonisierung, erscheint fraglich, ob wir es schaffen können, ihn nur mit Niedrigenergie-Anlagen zu decken. Allein für die Dekarbonisierung unserer Chemieindustrie würden 136 % des heutigen deutschen Gesamtstromverbrauchs benötigt.

Daher läuft es derzeit auf einen erdgasbasierten Schattenkraftwerkspark hinaus. Das ist auch die Politik der Bundesregierung, die deswegen mit Zähnen und Klauen die NordStream-Leitung verteidigt. Ich war im Juni 2019 als Mitglied des Petersburger Dialogs beim Jahrestreffen in Bonn Zeugin, wie die russischen Gazprom-Vertreter frohlockten, als NRW-Ministerpräsident Laschet in seiner Rede den segensreichen Beitrag Russlands zur deutschen Energiewende lobte.

Doch Erdgas ist aus mehreren Gründen keine Lösung: Es ist wegen der Methan-Leckagen in seiner Produktionskette in der Gesamtbilanz so klimaschädlich wie Kohle; Erdgas-Kraftwerke würden im Verbund mit Erneuerbaren meist im Teillastbetrieb laufen, was ihre Emissionen erhöht und ihren Betrieb verteuert. Nicht zuletzt treibt uns das Erdgas in wachsende Energieabhängigkeit von Russland, was uns in Konflikt mit unseren NATO-Verbündeten und mit der EU bringt.

Was tun im Klimanotstand?

Was also tun? Viele reden vom „Klimanotstand“. Wir sagen: Ein Notstand erfordert außergewöhnliche Maßnahmen und Abschied von heiligen Kühen. Wir haben auch einen weiteren Notstand: Die Zunahme von Strommangelsituationen wegen des Doppelausstiegs. Unsere Empfehlung lautet daher: Atomausstieg aussetzen, um der CO2-Reduzierung Luft zu verschaffen, ohne dass das Experiment am offenen Herzen unserer Industriegesellschaft im Fiasko endet.

Die noch bis 2021/22 am Netz befindlichen sechs deutschen Kernkraftwerke sollten unter Staatsregie weiterlaufen, ähnlich wie bei der Entsorgungslösung. Wir wissen, dass die Betreiberkonzerne ihre sämtlichen Planungen auf Ausstieg gesetzt haben und nicht mehr zurück wollen. Sie haben bereits für jede Armatur und jede Rohrleitung auf Jahre hinaus Demontagetermine vergeben. Doch solange noch nichts zersägt ist, sind solche Entscheidungen reversibel. Ein Weiterbetrieb würde Ertüchtigungen erforderlich machen, doch diese halten wir sowohl reaktorsicherheitstechnisch als auch finanziell für vertretbar. Auch das Atommüllvolumen würde nicht dramatisch anwachsen.

Die sechs KKW könnten auf einen Schlag die gesamte NRW-Braunkohle ersetzen. Es sollten also im selben Umfang besonders klimaschädliche Braunkohle-Kapazitäten zügig stillgelegt werden, was die deutschen CO2-Gesamtemissionen um ca. 10 % senken würde. Falls bis 2030 die erforderlichen wesentlichen Fortschritte auf dem Weg zu Großspeichern für ein weitgehend auf Erneuerbaren Energien basierendes System nicht zu beobachten wären, müsste auch über einen Neubau von Kernkraftwerken nachgedacht werden. Wir plädieren dafür, die Kosten unserer Vorschläge nicht über den Strompreis zu finanzieren, sondern über Steuermittel, die Gegenstand parlamentarischer Kontrolle sind.

Verrückt? Nein, realistisch

„Ihr seid verrückt“, sagten uns Atombefürworter wie -gegner, „das Ding mit der Atomkraft ist durch in Deutschland“. Aber mit Verrücktheit haben wir unsere Erfahrungen, Rainer als Whistleblower, ich als einsame pronukleare Stimme in einem Beirat der grünen Heinrich-Böll-Stiftung. Es braucht einige Verrücktheit, um gegen den Strom der großen Superkoalition von Links bis CDU und Energiekonzernen zu schwimmen. Aber auch einigen Realismus. Fehlsteuerungen, die von Menschen eingeleitet wurden, können auch von Menschen korrigiert werden, sobald neue Erkenntnisse über geänderte Rahmenbedingungen vorliegen. Und diese liegen mit dem Klimanotstand vor.

Das Memorandum

Das Moormann-Wendland-Memorandum kannst du hier in voller Länge lesen:

Warum wir die deutschen Kernkraftwerke jetzt noch brauchen
Vorschlag für eine neu aufgestellte Energiewende unter den Bedingungen des Klimanotstandes (PDF)

Eine Zusammenfassung ist als Gastbeitrag der Autoren in der Wochenzeitung DIE ZEIT erschienen:

„Stoppt den Atomausstieg!“ (PDF)

16.07.2020